Imperialismus und Kultur

Imperialismus und Kultur

Autoren: Thomas Metscher

In Vorbereitung

 

Gegenstand des vorliegenden Buchs sind die kulturellen Verhältnisse in der Gegenwartsgesellschaft – der Welt, in der wir heute leben. Sprachen bereits Marx und Engels von einem kosmopolitischen Kapitalismus, der den nationalen ersetzt habe, so hat sich mit Lenin und Luxemburg der Begriff des Imperialismus für die Bezeichnung des gegenwärtigen Kapitalismus durchgesetzt. Wenn wir diesen zudem ‚neoliberal’ nennen, so ist eine Phase gemeint, in der der Markt, zudem der Finanzmarkt, unabhängig von keynesian-sozialdemokratischen Kompromissen, das Leben der Menschen bestimmt. In ihr tritt, befreit von den Fesseln des Wohlfahrtsstaats, der ent-menschlichende Charakter dieser Produktionsweise ungehemmt hervor und überzieht ganze Erdteile mit Hunger, Elend und Krieg.

 

Als zentraler Begriff für die kulturellen Verhältnisse dieser Produktionsweise wird hier der Begriff der ‚pathischen’ (und das heißt hier im genauen Wortsinn ‚kranken’) Gesellschaft vorgeschlagen. Ihr Grundcharakteristikum ist die Unterwerfung der Menschen, ihre Integration in das herrschende System und verbunden mit ihr die Zerstörung dessen, was einmal die Menschlichkeit der Menschen hieß. Was dies im Einzelnen meint, soll in der vorliegenden Schrift erläutert werden; erläutert werden sollen auch die Mechanismen, die den pathischen Effekt bewirken. Zur Grundorientierung dient dabei, was der junge Marx als kategorischen Imperativ des von ihm und Engels entwickelten ‚neuen Materialismus’ bezeichnet hat: „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“. Mit diesem Imperativ sind die Grundelemente eines zugleich dialektischen und historischen Materialismus angesprochen. Zum Ziel haben sie die „volle und freie Entwicklung jedes Individuums“. Ihr Motor ist die „selbstzweckhafte Kraftentwicklung“, die Menschen von nichtmenschlichen Lebewesen unterscheidet.

Mit dem Marxschen Imperativ ist eine Weltanschauung angesprochen, die nicht nur Kritik der politischen Ökonomie ist (obwohl diese ihre unaufhebbare Grundlage bildet), sondern gleichfalls Ethik und Theorie der Künste – in der also neben die politische Ökonomie Ethik, Ontologie und Ästhetik als geistige Formen eigenen Rechts treten. Mit Blick auf das Ganze tritt, im Sinn eines politischen Humanismus, neben die Hoffnung als Prinzip, der Komplex Liebe, der von psychisch-körperlicher Erfahrung bis zur politischen Solidarität reicht und in der sozialen Beziehung von Individuen ihren unausrottbaren Kern.

Was hier im Titel also Kultur, im Text kulturelle Verhältnisse heißt, ist ein Vielfaches, das im Einzelnen zu klären sein wird. So wenig es auf Kunst reduzierbar ist, so dient doch die Kunst als Richtmass – Indikator – des Verfehlten und Erreichten, hier wie in anderen entwickelten Kulturen auch. Der Stand der Menschwerdung des Menschen – sein Zustand der Menschlichkeit wie der Unmenschlichkeit – wird hier wie in anderen, vergangenen Gesellschaftsformen nicht zuletzt durch Betrachtung der Künste zu eruieren sein.

 

Die Entscheidung, als zweiten Band der von mir verfassten Dialektischen Studien diesen Band statt der zunächst geplanten Schrift zu ‚Sein und Bewusstsein’ herauszubringen, erfolgt primär aus politischen Überlegungen. Der Frage nach dem Verhältnis von Imperialismus und Kultur kommt ohne Frage eine Bedeutung von höherer politischer Aktualität zu als der Frage nach dem Verhältnis von Sein und Bewusstsein, die, trotz ihrer politischen Folgerungen, eine ‚alte’ theoretische Frage ist. Sie ist zentral für die Konzeption eines theoretischen Grundverhältnisses, das dringend der Aufklärung bedarf, tritt in ihrer unmittelbaren Bedeutung aber hinter der Frage nach dem Zustand der gegenwärtigen Gesellschaft zurück.

 

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